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Die Entstehung und musikalischen Merkmale des Reggae

Die Entstehung und musikalischen Merkmale des Reggae

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Die ursprüngliche Musik Jamaicas waren die Areitos, die Worksongs der Arawaken. Hinzu kamen mit den Sklaven von der afrikanischen Goldküste dann afrikanische Elemente, europäische Elemente brachten die Kolonialherren mit, aber auch innerkaribische Einflüsse kamen hinzu. Der Weg zum Reggae führte schließlich über die Verbindung der aus den eben genannten Elementen bestehenden jamaikanischen Folklore mit dem amerikanischen Rhythm & Blues.

Im afrikanischen Leben bedeutet Musik auch immer Auseinandersetzung mit der Natur. Mit einem intellektuell-europäischen Kunstverständnis lässt sich afrikanische Musik nur schwer interpretieren und analysieren; auch ihre Funktionalität in Gesellschaft und Religion muss erkannt werden.

Die afrikanischen Sklaven bewahrten sich Teile ihrer afrikanischen Mentalität – vor allem im spirituellen Bereich. Dieser manifestierte sich in verschiedenen Kulten, die teilweise heute noch zelebriert werden. Der Trommel kommt dabei eine mystische Bedeutung zu. So werden beispielsweise im Kumina-Kult mit ihrer Hilfe die Geister angerufen, wobei jeder Geist einen speziellen Rhytmus zugesprochen bekommt. Nach Ansicht der Kumina-Anhänger erscheint der Geist, wenn erfolgreich angerufen, im Zentrum des Tanzplatzes und dringt durch den Boden in den Kopf der Trommel ein, wo er dann von der Queen (Leiterin der Zeremonie) und dem Trommler begrüsst wird. Daraufhin zieht sich der Geist durch die Trommel in den Boden zurück und wählt die Person aus, die besessen werden soll. Der Geist steigt der Person von den Füssen aus in den Kopf und es entsteht ein Trancezustand, erreicht durch permanente, gleichmäßige Trommelrhytmen.

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Das Kumina-drumming und die Burru-Musik, eine Art jamaikanischer Worksong, sind die Ursprünge der Rasta-Musik. Auch das Trommelarsenal wurde übernommen. Es sind die Bass-Drum (grosse Trommel), mehrere Fundeh (mittelgrosse Trommeln) und Repeater-Drums (kleine Trommeln), sowie diverse Schlag-, Schrapp- und Rasselinstrumente. Die Rasta-Musik hat starken Einfluß auf den späteren Reggae, wo andere Instumente die Funktionen der Trommeln übernommen haben. Die Rhythmusgitarre die der Fundeh, der E-Bas die der Bass-Drum und solistisch eingesetzte Instumente die Verzierungen der Repeater-Drums.

Über die Kolonialherren kamen europäische Enflüsse auf die Insel. Wurden zunächst geistliche Lieder von den Schwarzen adaptiert und ihrer Situation angepasst, so beeinflusste zunehmend die europäische Militär- und Tanzmusik die spätere jamaikanische Folklore in der harmonischen und formalen Gestaltung. Die Sklaven reproduzierten diese Musik allerdings nicht einfach, sondern veränderten sie, brachten afrikanische und karibische Rhythmuselemente ein und nannten ihre Musik Mento.

Jamaican Mento Band  - The Jolly Boys

Jamaican Mento Band - The Jolly Boys

Mento wurde zunächst das Metier der Troubadoure, die Nachrichten, Klatsch und sozialen Kommentar in lebendige Lieder und Tänze packten, die sie auf ihren selbstgebastelten Trommeln, Bambus-Flöten und Geigen spielten. Später war es die Musik der Masse und drückte die Ansichten und Lebensphilosophie der Leute aus. Zu beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Mento zur Volksmusik Jamaikas.

Beim geraden 4/4-Takt des Mento wird die Akzentfolge auf dem ersten und dritten Schlag beibehalten, während die eigentliche unbetonten zweiten und vierten Taktteile ebenfalls hervorgehoben werden. Es entsteht also ein Widerstreit zweier Rhythmussysteme, der den Eindruck permanenter Synkopenbildung, also eine Art “Dauerspannung” bewirkt. Diese “Dauerspannung” ist auch beim späteren Reggae zu beobachten. Durch “polyrhythmische” Verquickung entsteht eine Art “metrischer Schwebezustand”, der eine körperliche Reaktion auf die Musik geradezu erzwingt.

Mit der Orientierung an westliche Standards, vor allem der USA, gelangte auch die amerikanische Pop-Musik auf die Insel. Diese wurde mittels Soundsystems, mobile Discotheken, in den Straßen der Städte verbreitet. Jamaikanische Musiker versuchten die Stücke zu kopieren, wobei sie jedoch die ihnen typische jamaikanische Art der Interpretation nicht aufgaben. In der 60er Jahren entstand so der Ska, eine Art jamaikanische Rock’n’Roll-Variante. Das amerikanische Vorbild erkennt man bei den frühen Ska-Nummern an der Beibehaltung des Bluesschemas, das rhythmisch einfach umgestaltet wurde. Charakteristisch für den Ska sind die extremen afterbeats. Fast alle Instrumente erfüllen rhythmische Funktionen, lediglich der Gesang, oft gepaart mit Bläser-Einwürfen, wird melodisch eingesetzt. Der größte Hit in den 60ern war “My Boy Lollypop” von Millie Small aus dem Jahre 1964. In England wurde der Titel als erste westindische Platte Nr. 1 in den Charts.

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Etwa Mitte der 60er Jahre wurde der Ska vom Rocksteady abgelöst. Bei gleichbleibender harmonischer Struktur wechselte man auf den alla-breve-Takt über, so daß der Rhythmus schleppender wurde, ohne allerdings seine mitreißende Qualität zu verlieren. Über die Gründe dieser Entwicklung gibt es verschiedene Spekulationen. Einerseits wurden die klimatischen Verhältnisse des Jahres 1966 verantwortlich gemacht: Als der Sommer 1966 besonders heiß wurde, so heiß, daß man den raschen Ska nicht mehr tanzen konnte, reduzierte man einfach das Tempo. Andererseits wird behauptet, das “slowing-down” sei Ausdruck der zunehmenden depressiven Stimmung in der Bevölkerung. Im Zeichen der wirtschaftlichen und sozialen Not hätten die Leute es einfach satt gehabt, die fröhliche Ska-Musik zu spielen.

Allgemein wird die Entwicklung vom Ska zum Rocksteady als befruchtend für die Musik gesehen. Die Reduzierung des Tempos und gleichzeitige Erhöhung der musikalischen Spannung war von zündender Faszination und setzte bei den Musikern neue ungeahnte Kräfte frei. Da die afterbeats nun auf den Takten 2 und 4 lagen, wurde Platz geschaffen für Improvisationen und rhythmische Raffinessen. Der E-Bass befreite sich zusehends von seinen ursprünglichen Funktionen und spielte nun häufig zwischen den Takten, was zu einer weiteren Differenzierung führte.

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Der Struktur nach war der Rocksteady bereits Reggae. Zum erstenmal taucht der heute populäre Begriff bei Toots Hibberts (Toots & The Maytals) im Titel “Do The Reggay” auf. Über die genaue Bedeutung des Wortes ist man sich nicht einig. Eine Version leitet den Reggae-Begriff vom afrikanischen “Ragga”-Stamm ab, eine andere sieht in ihm eine Abkürzung für “Raggamuffin”, was einen Tunichtgut aus dem Ghetto bezeichnet.

Demnächst mehr ….

Irie Ites & One Love

Hier Teil 2 lesen

(Quelle: Lehrbuch von Wolfgang Kunz – Reggae-Kult, Kritik und Kommerz)